Über die Taborgemeinde

Wir sind eine evangelische Kirchengemeinde im Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg. Kirche und Gemeindehaus befinden sich in der Taborstr. 17, 10997 Berlin,und die Kindertagesstätte der Gemeinde in der Cuvrystr. 36.Unser Gemeindekirchenrat ist seit November 2025 neu gewählt. Das nun verkleinerte Leitungsgremium besteht aus 4 Mitgliedern und 3 Ersatzältesten und Pfarrerin.
Für die nächsten 6 Jahre werden sich seine Mitglieder mit Kreativität und Verantwortungsbewusstsein für das Gemeindeleben der Taborgemeinde einsetzen und es gestalten, planen und weiterentwickeln.Hier finden Sie das Ergebnis der Wahl.
Neben dem sonntäglichen Gottesdienst um 10 Uhr gibt es in der Gemeinde eine ganze Reihe von Schwerpunkten und Aktivitäten: Obdachlosenarbeit, Kirchenmusik, Ökologie, Seniorenarbeit, Meditation, Ökumene, Kunstausstellungen im Seitenschiff …Wir arbeiten mit unterschiedlichen Gruppen, Einrichtungen und Gemeinden zusammen: Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e.V., AG Leben mit Obdachlosen, Emmaus-Ölberg-Gemeinde, Marthagemeinde, Umweltbeirat der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg, Förderverein der Fichtelgebirge-Grundschule.

Die Tabor-Gemeinde im Kiez
Die Gemeindearbeit orientiert sich seit Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhundertes an folgenden Leitlinien:

– Vielfalt und Offenheit, Raum zum Ausprobieren, freiwillige verantwortliche Mitarbeit, Weg von einem fremdbestimmten Glauben
– Schöpfungsfreundlicher Umgang mit den Ressourcen, also z. B. mit den eigenen Gebäuden wie die Kita und die unter Denkmalschutz stehenden Kirche
– weg von der ausschließlichen Abhängigkeit von der Kirchensteuer
– Kritische Begleitung von Entwicklungen und Veränderungen im Stadtteil und der Gesellschaft

Das alles ist nur möglich aufgrund partnerschaftlichen Miteinanders von Haupt- und Ehrenamtlichen.


Der Kiez im Wandel der Zeiten
Die 1905 gegründete Taborgemeinde liegt in einem Altbauquartier in Berlin – Kreuzberg, das in den letzten 20-30 Jahren ständig starken Veränderungen unterworfen war.
Die Einwohnerzahl liegt heute bei 153.135 (Stand 12/2020), evangelische Christen machen nur noch etwa 12% der Einwohnerschaft aus, 34,9 % sind ausländischer Herkunft.
Aus dem typischen Arbeiterbezirk der 60er/70er Jahre mit hoher Arbeitslosigkeit und heruntergekommenen Altbauquartieren mit billigen Mieten, in denen hauptsächlich Geringverdiener, Sozialhilfeempfänger, Künstler, Studenten und türkische Gastarbeiter wohnten, wurde in den 80er/90er Jahren die berühmte Kreuzberger Mischung, ein Multikulti-Mix aus alternativer Szene, orientalischer Lebensart, Hausbesetzerszene, Handwerkern und Gewerbebetrieben.
Die Gentrifiziereung verändert den Kiez
Aber diese ganz typische Kreuzberg-Mixtur aus Glanz der Großstadt und authentischer Szene, die den Kiez geformt und geprägt hat, ist fast verschwunden. Der Mauerfall weckte die Begehrlichkeiten der Immobilienhaie und Spekulanten, der Senat betrieb den Ausverkauf der Stadt, und viele soziale Projekte wurden nicht mehr gefördert. Nun ist die Verdrängung in vollem Gange. Künstler, Gewerbebetriebe, Szenekneipen, Kiezbäckereien, alt eingesessene Läden geben auf, weil die Mieten explodieren. Kreuzberg ist heute der zweitteuerste Bezirk in Berlin. Damit geht dem Kiez Stück für Stück seine Identität verloren. Die Anwohner*innen setzten sich zwar immer wieder gegen die Veränderung ihres Kiezes zur Wehr können aber oft trotzdem nichts ausrichten. Die Cuvry-Brache war ein typisches Beispiel. Sie galt jahrelang als Symbol gegen den Kapitalismus. Verschiedene Investorendeals sind immer wieder geplatzt, eine Zeit lang schlugen dort Ausgestoßene und Wohnungslose ihre Zelte auf. Das Gelände wurde stadtbekannt, galt als Berlins einzige Favela, immer wieder gab es jedoch Probleme mit Gewalt. Schließlich wurde das Gelände geräumt. Jetzt steht dort ein Büro- und Gewerbekomplex: Symbol für das verkaufte Berlin.
Heute begegnen einem immer mehr gutverdienende Globetrotter, Cafés wie sie auch in London, New York, Tokyo existieren, eröffnen neu, man spricht Englisch und ist unter sich. Trotz des hippen polyglotten Lebensstils wachsen die Probleme im Kiez. Auch viele obdachlose und gestrandete Menschen ziehen in den Kiez und schlagen ihre Zelte auf. Immer mehr 24-Stunden-Spätis und Imbissläden prägen das Straßenbild und das Partyvolk verlagert seine nächtlichen Feiern auf die Bürgersteige und verursacht einen Großteil des wachsenden Müllproblems.
Kiez und Drogen
Der Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg ist zu einem der größten Drogenumschlagsplätze der Stadt avanciert. Vor allem bei jungen Touristen aus aller Welt ist der Park bekannt, denn dort kann man schnell und unkompliziert Gras und andere Drogen kaufen. Der illegale Drogenhandel hat so stark zugenommen, dass sich hunderte von Drogenverkäufern im ganzen Kiez ausgebreitet haben und vor allem im Wrangelkiez eine unübersehbare Dominanz erreicht haben. Gleichzeitig vermischen sich Drogen und Armut ungünstig miteinander, multitoxisch abhängige Menschen sind leider keine Seltenheit.

Und dennoch versuchen viele Akteure und Initiativen unermüdlich ihren Kiez zu gestalten, zu helfen und zu sorgen, um die Situation für alle zu verbessern. Dort ist der alte Geist vom unangepassten, freigeistigen Kreuzberg immer noch ein wenig zu spüren.

Die Tabor-Gemeinde im Wandel der Zeiten
Angesichts dieser Situation agiert die Gemeinde, zu der heute etwa 800 Gemeindeglieder gehören, oft in folgendem Zwiespalt: Traditionell gibt es in der Kirche insgesamt wenig Koexistenz-Formen und wenig gelebte Praxis von Toleranz und Unterschiedlichkeit in multireligiösen und multikulturellen Situationen (jeder beansprucht ja die Wahrheit für sich): Lässt sich Religionspädagogik nur noch als christlich geprägte Religionspädagogik verstehen? Ist es nicht geradezu geboten, auch nicht-christliche MitarbeiterInnen anzustellen, die von der Situation der Kinder hinsichtlich Sprache, Herkunft, Kultur und Religion auch etwas verstehen? Wie reagiert man auf die Anfrage, ob auch ein Muslim Taufpate sein kann? Nur „Nein“ sagen oder sich mit der Frage auseinandersetzen? Wie werden bireligiöse Familien sinnvoll begleitet, die wollen, daß ihre Kinder bewußt mit beiden Religionen aufwachsen? Wie erreichen wir Menschen in einer zunehmend säkularisierten Welt? Und wie schärfen wir unser Profil damit unsere Angebote zukunftstauglich sind?

Und ein anderer Zwiespalt: Wer glaubt tatsächlich all das, was traditionell als christlich oder evangelisch bezeichnet wird. Ein Beispiel: Welcher Christ, welche Christin glaubt alle Sätze aus dem apostolischen Glaubensbekenntnis?


Die Tabor-Gemeinde formuliert ihr Selbstverständnis so:

„In der Gemeinde kommen unterschiedliche (christliche, andersgläubige, nicht-gläubige, suchende und unsichere) Menschen zusammen – zu ihr gehören unterschiedliche Menschen. Diese Menschen leben mit der Hoffnung: „Du bist nicht alleine“. „Der Tod hat seine Macht über uns – die Mächte/Systeme sind seine Boten“. Aber: „Es gibt Auferstehung“. „Es gibt Veränderung – Veränderbarkeit – Verwandlung – Begleitung – Berufung – Befreiung zum Leben – Widerspruch und Widerstand. Zugleich gibt es Befreiung von jenem manchmal verzweifelten Ich, das es alleine schaffen will.

So versteht sich die Gemeinde von Jesus her als ein Ort, wo alle – generationsübergreifend – mit ihren jeweiligen Begabungen und Fähigkeiten willkommen sind, an dem geteilt, gesungen und gefeiert wird, wo über Gott und die Bibel nachgedacht und diskutiert wird, wo Gemeinschaft erfahren werden kann, wo für Leiden und Ungerechtigkeit sensibilisiert wird und an dem Angstfreiheit und Widerstand gegen Lebensbedrohungen und ein schöpfungsfreundliches Leben eingeübt wird. Es gibt Arbeitsteilung, aber keine Vorrechte voreinander.

Diese Praxis bewährt sich auch daran, dass es keine Berührungsängste gibt, nicht vor Andersdenkenden, vor Anderslebenden und Andersglaubenden, sondern Respekt und Achtung, Akzeptanz, bewegt-bewegendes Miteinander. Zugleich wird dabei Toleranz und Neugier eingeübt, Staunen und die Bereitschaft, von andern zu lernen und Aufmerksamkeit dafür, ob ihre Lebensweise, ihre Grundüberzeugungen und die Weisheit ihrer Religion und die praktische Umsetzung Unterdrückung rechtfertigt oder Mut weckt zu Befreiung und größerer Vielfalt im Leben.“

Neben der Nutzung der Räume sind praktische Zeichen dieses Gemeindeverständnisses ein bereits seit vielen Jahren genutztes eigenes Liederheft mit vielen neuen Liedern und das Ökumenische Glaubensbekenntnis, in dem (anders als im Apostolischen Glaubensbekennntis) auch davon die Rede ist, dass Jesu Leben und seine Botschaft bleibend wichtig sind, nicht nur sein Leidensweg, und dass es lohnende Ziele im menschlichen Leben gibt („… ich glaube an Jesus Christus, geboren als Mensch in Israel von Maria, erwählt mit seinem Leben die Nähe Gottes zu bezeugen, er verkündete den Gefangenen Freiheit, …; an Gott, der uns geschaffen hat, damit wir Leben erhalten, Frieden entwickeln und Sorge tragen für den Bestand der Erde…an den Heiligen Geist, der …uns sendet mit dem Ziel, allen Menschen Hoffnung zu bringen …“.

Freiwillige verantwortliche Mitarbeit:


Oft werden wir gefragt, was man denn eigentlich in Tabor mitmachen kann: Wo kann ich mitarbeiten, wo kann ich mich engagieren? 
Dazu einige Antworten:

– Sich trauen zu fragen!!!
– Mitmachen in den Gemeindegruppen: Chor, Meditation, Seniorenclub, 
Gemeindebeirat, Konzertgruppe usw.
– Begleitung des Obdachlosennachtcafes
– Mithilfe bei Festen
– Mitarbeit beim Gemeindebasar
– Gottesdienst und Andacht
– Vorbereitung von Gottesdiensten
– Auftanken
– Artikel für den Taborboten
– Redaktionsteam des Taborboten
– Gespräche
– Chor und Singen neuer Lieder
– Diskussionen über Glaubensfragen
– Feier
– Sich einbringen mit dem, was man kann und was Spaß macht
– Musik im Gottesdienst
– Konzerte
– Kita
– Sich trauen zu fragen !!!